Header Image

Amelie Bendheim

Luxembourg
Employable Middle Ages. Mediävistinnen auf dem Arbeitsmarkt von morgen?
Tuesday, 12th September | 14:00 – 15:35

Die zeitgeschichtliche Diagnose für den unmittelbar sich vollziehenden Wandel auf dem Arbeitsmarkt trägt den Namen „Industrie 4.0“. Sie offenbart ihre Symptomatik in einer zunehmenden Digitalisierung und Technisierung aller Bereiche sowie einem radikalen Wandel in Politik und Wirtschaft, der mit einer prognostizierten Krise der Arbeit einhergeht.

Seit jeher stellt der Übergang von der Universität in die Berufswelt in den Geistes- und Kulturwissenschaften eine besondere Herausforderung dar. Die angedeuteten Entwicklungstendenzen – die sich fasslich als Übergang vom ‚Hammermann‘[1] zum  vollautomatischen Roboter beschreiben ließen – führen jedoch in besonderem Maße zu einer Infragestellung der  Aufwendung materieller Ressourcen für den Aufbau und die Förderung  geisteswissenschaftlicher, im Speziellen mediävistischer Studiengänge: Wozu leistet sich eine Gesellschaft noch diesen ‚Luxus‘? Wozu ‚Kenner‘ einer historischen Kultur-Epoche ausbilden, deren geistesgeschichtlicher Hintergrund noch weit vor der ersten ‚technischen Revolution‘ lag (die weder Telefon, noch Fritteuse kannte)?

Der Vortrag macht es sich zum Ziel Konzepte und Maßnahmen vorzustellen, durch die schon während des universitären Studiums Berufsfähigkeit und berufsbefähigende Kompetenzen in den Geisteswissenschaften sinnvoll gefördert werden. Anhand eines internationalen Erasmus+-Studienprogramms aus dem Bereich der kultur- und literaturwissenschaftlichen Mediävistik (Talc_me (Textual and Literary Cultures in Medieval Europe)), kann beispielhaft gezeigt werden, wie die Erkenntnisse einer Beschäftigung mit mittelalterlichen Textkulturen für ein modernes Europa fruchtbar gemacht werden können.

Der Begriff der Employability, der insbesondere im Zuge der Bologna-Reform wieder verstärkt in den Fokus geraten ist, wird dabei nicht mehr als eine genaue Passung auf ein Berufsprofil verstanden, sondern als Erwerb grundlegender lebensbegleitender und
-gestaltender Fähigkeiten (cf.  Blanke/Schmit 2000), die (damit auch) im Rahmen eines akademischen Studiums in Auseinandersetzung mit den Fachgegenständen ausgebildet werden können.

Dabei wird über jene Fähigkeiten, die die Geisteswissenschaften seit jeher gefördert haben (etwa Schreibkompetenz, Belastbarkeit, Neugier) hinausgehend, der Fokus auf Ausbildungsinhalte gelegt, die sich insbesondere über einen Mittelalter-Schwerpunkt vermitteln lassen:

Im Zentrum steht dabei zum einen die „Interkulturelle Kompetenz“ als berufsbefähigende Kompetenz in einem zunehmend mehrsprachigen, interkulturellen Arbeitsumfeld.

‚Mittelalter‘ zu studieren gewährt die Erfahrung, sich mit kulturellen Artefakten auseinanderzusetzen, die vertraute Merkmale in fremdem Gebrauch aufweisen, das eigene im Fremden zu identifizieren, sich dem Fremden zu öffnen und es anderen verständlich zu machen. Der interkulturelle Kompetenzerwerb führt gleichwohl zu einem Verständnis für eine gemeinsame europäische Geistesgeschichte, eine gemeinsame Sprach- und Literaturtradition, deren kulturelle Wurzeln in Mittelalter und Spätantike zu suchen sind.

Zum anderen dokumentiert die Erforschung historischer Textkulturen aus dem europäischen Mittelalter die Erfahrung einer gesamteuropäischen mittelalterlichen  Identitätskonzeption, die dazu anregt, Konzepte der Identitätsbildung und der kulturellen Identität einer Gesellschaft zu hinterfragen, die sich in einer zunehmend technisierten, digitalisierten Welt neu stellen. Es ist die Aufgabe und Herausforderung der Geisteswissenschaft(lerInnen) hier sinnstiftende Aufgaben zu übernehmen und in Zeiten gesellschaftlichen Wandels an der Ausbildung neuer Arbeits- und Lebensformen in einer offenen, pluralen Gesellschaft mitzuwirken.

[1] Die Skulptur des Hammermanns, auch ‚Hammering Man‘, des amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky steht für den unermüdlich mit einem Hammer in Eigenarbeit tätigen Arbeiter.