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Andrea Binsfeld & Michel Pauly

Luxembourg
Wie Castor und Pollux? Zur gegenseitigen Abhängigkeit von Natur- und Geisteswissenschaften
Wednesday, 13th September | 9:00 – 10:30

m Jahr 1956 konstatierte C. P. Snow in seinem einflussreichen Essay “The Two Cultures” eine völlige Trennung und ein wechselseitiges Nichtverstehen von Geistes- und Naturwissenschaften: “The separation between the two cultures has been getting deeper under our eyes; there is now precious little communication between them, little but different kinds of incomprehension and dislike.” (New Statesman, 6. Oktober 1956). Lediglich der Geschichte, v.a. der Sozialgeschichte, gelänge es bis zu einem gewissen Grad, diesen Graben zu überwinden. Die Idee einer dritten Kultur, die sich durch ihre Nähe zu den Naturwissenschaften auszeichnet, scheint bei Snow bereits auf, wird aber von ihm nicht weiter verfolgt.

Die Frage nach dem Verhältnis von Geistes- zu Naturwissenschaften stellt sich auch nach 60 Jahren, in denen die These Snow’s diskutiert, kritisiert, weiterentwickelt wurde. Ziel des Beitrages ist es, der Geschichte der Diskussion nachzugehen und – aus der Sicht der Historiker – zu zeigen, inwiefern man heute von einem Austausch zwischen den beiden Kulturen sprechen kann. Nicht nur die Geisteswissenschaften können von den Naturwissenschaften profitieren – man denke nur an die Bedeutung der Chemie, Paläobotanik, Paläozoologie für die Archäologie.  Umgekehrt sollten sich die Naturwissenschaften in ihrer historischen Dimension begreifen. So zeigt ein Blick in die Geschichte, dass die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften erst im 19. Jh. vollzogen wurde. Was war davor? Aristoteles nimmt nicht nur in der Geschichte der Philosophie eine wichtige Stellung ein, sondern auch in der der Naturwissenschaften, v.a. der Biologie; Plinius der Ältere verfasste nicht nur Geschichtswerke, sondern auch eine naturwissenschaftliche Enzyklopädie; den Beobachtungen seines Neffen Plinius dem Jüngeren verdanken wir grundlegende Beobachtungen zur Vulkanologie. Auch die Klimaforschung ist auf historische Daten angewiesen, die Medizin auf die historische Epidemienforschung. Anthropologie, Ethnologie, Geschichte und Soziologie schaffen ein Bewusstsein für soziale Kontexte in fremden kulturellen Kontexten. Auf diese Kompetenzen der interkulturellen Kommunikation sind die Ingenieurswissenschaften angewiesen, wenn es um technische Problemlösungen in einem anderen kulturellen Umfeld geht. Diese Beispiele ließen sich beliebig weiterführen und sie zeigen vor allem Eines: Die Trennung der Wissenschaften in zwei Kulturen ist historisch gesehen nicht zwingend.