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Antonia Eder

Karlsruhe, Germany
Das unnütze Wissen (in) der Literatur
Monday, 11th September | 14:00 – 15:30

Ich gehe anhand des in den Humanities just vieldiskutierten und oft allzu affirmativ gehandelten Wissensbegriff der in den Hintergrund gerückten Frage nach dem literarisch konstitutiven Moment von Unnützem Wissen als einem Zuviel, als Überschuss nach. In der (nicht nur) an Universitäten virulenten Diskussion um Verwertbarkeit von Wissen (und dessen inhärenter Macht) geraten bildungsästhetische Momente eines vermeintlich ohnmächtigen, da nicht ‘verwertbaren’ Wissens der Humanities zunehmend ins Hintertreffen, um stattdessen modularisierten Raum für zu vermittelnde ‘Kompetenzen’ zu schaffen. Mein Anliegen wäre also nicht zuletzt, einen Begriff von unnützem Wissens zu konturieren, der sich vom machtökonomischen Diskurs befreien ließe und aus dem dezidierten Zutrauen in die Mittel und Wirkungen von Kultur und Literatur speist. Das Verhältnis von und die Austauschprozesse zwischen Literatur und Wissen erfreuen sich in der literaturwissenschaftlichen Forschung der vergangenen Jahre regen Interesses. Dabei steht ein maßgeblich von Foucault geprägter Wissensbegriff im Zentrum und die Untersuchungen fokussieren zunehmend auch auf Formen ungesicherten Wissens und Nicht-Wissens, dem aber gemein ist, dass es Teil einer epistemischen Praxis ist.

Insbesondere die Literatur kennt aber, so meine zentrale Arbeitshypothese, Formen von Wissen, die außerhalb der genannten Praxis stehen: (un-)gegenständliche Reste, Digressionen und Überschüsse – Unnützes Wissen also, das aber gerade für Literarizität und Wirksamkeit konstitutiven Charakter zu besitzen scheint. Im Anschluss an Foucaults Diskurstheorien und Rheinbergers historische Epistemologie wird Wissen in seinen Entstehungsbedingungen betrachtet und eng an einen Machtbegriff gekoppelt. Ziel meiner Überlegungen ist es, diesen Foucaultschen Denkraum zwar einerseits zu eröffnen, diesen aber andererseits zu hinter- und auf seine Grenzen hin zu befragen, da neben der ‘Positivität’ des diskursiven Feldes doch zugleich dessen Negativ, eine Art ‘Schatten diskursiver Rede’ erkennbar wird. Die Literatur ist reich an und kennt verschiedene Formen von unnützem Wissen. So tritt dies häufig textimmanent, als Motiv, oder als eigene Wissensform, als Genre oder Poetologie, auf, nicht selten sind Mischformen der Kategorien zu finden. Ich möchte an diese ersten Befunde weitere Überlegungen und Fragen zu konstitutiver Ästhetik, Psychodynamik, Nicht- Kommunizierbarkeit in der Literatur als spezifischer Denk- und Textbewegung von unnützem Wissens anschließen: Welche Aussonderungsprozesse zwischen nützem und unnützem Wissen betreibt die Literatur selbst? Wie verhalten sich Komik, Parodie, Satire, Absurdes oder Groteskes zu dieser Konstellation? Welche Rolle spielen Vergessen, Zufall, Zeit, Körperlichkeit oder Spiel?

Dieser Wissens-Zusammenhang bietet sich an, um an den Enden der Humanities noch einmal, vielleicht nicht völlig neu, so aber doch zumindest von der Seite, über offene und kritische Bedingungen von Möglichkeiten und ihren Denkräumen, über den „ganzen Menschen“ also (mit und über Schiller hinaus) in der dezidierten Form bildungspolitischer Grundlagenforschung nachzudenken.