Header Image

Christian Wevelsiep

Germany
Gewalt und Religion, Fundamentalismus und Moderne
Tuesday, 12th September | 15:45 – 17:15

Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen fundamentalistischer Verhärtung steht vor verschiedenen Schwierigkeiten. „Der“ Fundamentalismus erscheint bekanntlich als das Andere der Moderne. Das gilt unter besonderen Vorzeichen für den religiösen Fundamentalismus, insofern man sich einig ist, was unter Religion zu verstehen ist. Wenn auch nur oberflächlich, so könnte der Eigensinn des Religiösen in verschiedenen Überzeugungen und Weltbildern vermutet werden, die mit den letzten Problemen des menschlichen Lebens ringen. Die religiöse Existenz richtet sich auf all jene fundamentalen Spannungen, die das Leben im eigentlichen Sinne auszeichnen: den Schmerz und das Übel, Unrecht und Gewalterfahrung, andererseits Glück, Erlösung, Heil. Die Spannung ergibt sich aus der anthropologischen „Natur“, dem Leiden einen Sinn zu verleihen. Das Ringen mit den letzten Problemen des Lebens zielt auf eine spezifische Erlösungsvorstellung, Erlösung nicht nur vom innerweltlichen Bösen, sondern von der Unordnung, von mangelnder Integrität der Welt, Erlösung schließlich vom bedrohlichen Tod. Der Tod und das Leiden sollen sinnvoll in das Leben integriert werden, so dass die naheliegende Beschreibung in einer besonderen Sinnantwort liegt. Religion ist Lebenssinn und darin ist sie zugleich die Antwort auf das Leiden, auf die Verwirrung und auf das Unrecht in der Welt. Die Ahnung von dem, was fehlt, verliert ihre Schwere in der Garantie des Sinns.

Gilt dies unter bestimmten Umständen auch für den so schwierigen Zusammenhang von Gewalt und Religion, bzw. von Krieg und dem sakralen Komplex? Verschiedene ungeklärte Fragen werden an diesem Punkt aufgeworfen: Wie erklärt sich jene so problematische Verhärtung, die dem fundamentalistischen Wesen nachgesagt wird, wie die Gewaltbereitschaft, wie das negatorische Weltbild, das sich gegen eine feindliche Umwelt richtet? Und: ist es ratsam, an diesem Punkt zwischen zwei getrennten Welten zu unterscheiden, vereinfacht gesprochen, zwischen einer Welt des „rechten“ Glaubens, der gewaltfrei abläuft und in die gemeinsame Welt integriert werden kann sowie einer Welt, in der die Religion nichts weiteres wäre als ein leicht zu durchschauendes Rechtfertigungsmotiv? Diese Frage deutet auf den Zusammenhang der folgenden Überlegungen. Zwei Wege, den Konnex von Gewaltbereitschaft und religiösem Bewusstsein zu beschreiben, werden im folgenden aufgezeigt. Der erste Weg führt über einen langen Bogen der Geschichte der Gewalt. In religionshistorischer Sicht ist der Monotheismus in spezifischer Weise zu berücksichtigen. Mit dem fordernden Eingottglauben kam ein Moment des Daseinsentwurfs in die Welt, das sich von allen bisherigen Entwürfen weit entfernte[1]. Es war, wie uns Jan Assmann eindringlich lehrt, die Wende von der primären zur sekundären Religion, die mit einer profunden, weltverändernden Unterscheidung einherging und die Gewalt auf spezifische Weise mitbedingte (1) – wie, dies soll im folgenden an exemplarischen Studien aufgezeigt werden (2). Der zweite, alternative Weg führt die Überlegungen auf eine negativ-kritische Bestimmung des Religiösen zurück. An diesem Punkt gilt es zu zeigen, wie religiöses Bewusstsein „richtig“ verstanden werden kann, als lebensbezogene, existentielle Wahrheit, die ihren Sitz im gemeinsamen Leben hat. Mit Hilfe einer kritischen Hermeneutik soll der genuine Wahrheits- und Geltungsanspruch im Kernbereich der Religion freigelegt werden (3).

[1] Assman, J.: Die Mosaische Unterscheidung. Oder der Preis des Monotheismus. München: Hanser 2003, S. 19-49; Taylor, C.: Ein säkulares Zeitalter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2016 (Neuauflage); Habermas, J.: Politik und Religion. In: F. W. Graf/H. Meier (Hrsg.): Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart. München: Beck 2013, S. 287-301