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Inga Anderson

Berlin, Germany
How to Make a Difference
Tuesday, 12th September | 9:00 – 10:30

Differenzierungen   zwischen   verschiedenen   Kulturen,   Kulturräumen   oder Kulturkreisen   werden   heute   in den   Humanities   weitestgehend   kritisch betrachtet.    Insbesondere    (ethno )nationalistische    oder    essentialistische Kulturkonzepte  gelten  längst  als  passé  und aufarbeitungswürdig.  Aber  auch antagonistische   Kulturverständnisse,   die   über   nationalstaatliche   Grenzen hinaus  einen ‚clash  of  cultures’  prophezeien, werden  in  den  Humanities  kaum mehr vertreten.  Häufig  funktionieren  die  (zurecht)  kritisierten  Differenzkategorien  als  Marker von  Identität  und  Zugehörigkeit,  als  Abgrenzung  des  Eigenen  vom  Fremden oder Anderen. Analyseinstrumente, die die Funktionen von Differenzkategorien nachzeichnen,  zählen  zu  den  wichtigsten  gesellschaftlichen  Beiträgen  der  jüngeren   Humanities; Begriffe,   Konzepte   und   Methoden,   die   etwa   in   der Kultursoziologie,  den  postcolonial   studies  oder  gender  studies  entwickelt wurden, gilt es im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung der Humanties auch  in  Zukunft  weiterzuentwickeln  und  zu  schärfen.  Wo mit  Hilfe  solcher Differenzierungen die  Überlegenheit einer Kultur  (freilich zumeist der eigenen) über eine andere (der fremden) behauptet wird, besteht eine wichtige Aufgabe und  Verantwortung  der  Humanities  darin,  auf  das  historische  Gewordensein konstruierter   und   imaginierter   Zugehörigkeitsangebote   hinzuweisen   und machtkritisch  zu  hinterfragen,  welche  politischen  und  ökonomischen  Verhältnisse  durch  die  Behauptung  kultureller  Differenz  geschaffen,  gerechtfertigt oder aufrechterhalten werden sollen. Gleichzeitig  gibt  es  in  den  Humanities  aber  auch  eine  eigene  Tradition  von Differenzierungen    zwischen    Kulturen.    Diese    Tradition,    die    keineswegs unumstritten   ist,   zeichnet   sich   dadurch   aus,   dass   sie   funktionale   oder strukturelle  Leitdifferenzen  ausmacht,  anhand  derer  Kulturen  beschrieben, kategorisiert,  voneinander  unterschieden  und  somit  miteinander  verglichen werden können. Bekannte Beispiele für solche Unterscheidungen sind etwa die zwischen Scham- und Schuldkulturen  (Benedict, 1946) oder die zwischen  heißen  und  kalten  Gesellschaften  (Levi-Strauss,  1962,  daran  anschließend  auch Erdheim,  1984).  Man  begegnet  aber  auch  unerwarteteren Unterscheidungen, wie  etwa  der  zwischen  lactophilen  und  lactophoben  (Camporesi,  1993)  oder suizidalen und non-suizidalen Kulturen (Macho, 2011) Der      vorgeschlagene       Vortrag      will      sich       dieser      Tradition      der kulturwissenschaftlichen  und  ethnologischen  Differenzbildung  widmen,  um kritische  Überlegungen  sowohl  hinsichtlich  ihrer  Gefahren  als  auch  ihrer  Möglichkeiten  für  die  heutigen  Humanities  anzustellen:  Welche  Unterschiede  müssen  die  Humanities  machen,  um  in  der  heutigen  Welt  einen Unterschied machen zu können?