Header Image

Jennifer Pavlik

Luxembourg
Der öffentliche Raum als Raum der Geisteswissenschaften. Überlegungen im Anschluss an Hannah Arendt und Jacques Rancière
Monday, 11th September | 10:45 – 11:35

Hannah Arendt ist gemeinhin bekannt als eine Denkerin, der in regelmäßigen Abständen der Vorwurf gemacht wird, sie bleibe mit einem nostalgischen Blick einem veralteten Politikmodell verhaftet, das jeglichen Anspruch auf die Einschreibung in tagesaktuelle Debatten des Politischen nahezu unmöglich macht. Dieser Vorwurf übersieht, dass es Arendt eben nicht um eine Reaktivierung antiker Strukturen ging, sondern um das Überdenken aktueller Debatten aus einem radikal andersgearteten Blickwinkel.

Einen solchen andersgearteten Blickwinkel kann man entwickeln, wenn man mit Arendt über die Möglichkeiten und Grenzen der Humanities im 21. Jahrhundert nachdenkt und ihr Verständnis einer politischen Öffentlichkeit anhand ihrer Unterscheidung zw. Handeln und Her- stellen, zw. poesis und praxis, konturiert. Ziel meines Vortrags ist es daher, mit Arendt ein Verständnis der Bedeutung der Humanwissenschaften zu entwickeln, das den öffentlichen Raum als Raum der Geisteswissenschaften akzentuiert und die besondere Bedeutung dieses Raumes für das Zusammenleben in einer politischen Gemeinschaft herausstellt. Dabei wird deutlich, dass die Bereiche des auf Sinn ausgerichteten Nachdenkens und gemeinsamen Diskutierens der Humanities den utilitaristisch operierenden Naturwissenschaften insofern diametral entgegenstehen, als dass sie dazu beitragen, dass Menschen eine gemeinsame Sphäre etablieren, die auf der Freiheit und Gleichheit ihrer Mitglieder beruht. Die Humanities tragen durch ihr methodisches Vorgehen, das auf dem gemeinsamen Austausch von Argumenten besteht, in besonderer Weise dazu bei, dass Menschen eine – wie Arendt es in Anlehnung an Cicero nennt – cultura animi betreiben können und ihre humanitas ausbilden.

Dabei spielt die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, als Bereiche der Humanwissenschaften, für Arendt eine besondere Rolle, da diese Bereiche eine direkte Verbindung zum Politischen eingehen: Beide sind auf den öffentlichen Raum angewiesen, da sie als eine Form ästhetischer Praxis bezeichnet werden können. Dieser Aspekt rückt Arendt in die Nähe von Jacques Rancière, der in seinen Schriften um ganz ähnliche Themen kreist und Arendts Überzeugung teilt, dass Politik im Kern eine ästhetische Praxis des Streitens ist, die im Dialog mit Kunst und Kultur dazu beiträgt, dass die beteiligten Akteure in ihrer Gleichheit (Rancière) bzw. Pluralität (Arendt) als freie Gesprächspartner Akzeptanz finden. Dem Bereich des Kulturellen kommt in beiden Theorien insofern eine besondere Bedeutung zu, als dass ihm ein quasi pädagogisches (Arendt) bzw. erzieherisches (Rancière) Potenzial innewohnt, das die Menschen als Handelnde dazu befähigt, Teil einer demokratischen Gemeinschaft zu werden.

Andersherum könnte man also mit Blick auf das Tagungsthema sagen, dass die Humanities bei allen Krisengerüchten eine notwendige Bedingung dafür sind, dass Menschen ihr humanes Potenzial entwickeln, das nur dann zu seiner vollen Entfaltung kommen kann, wenn der öffentliche Raum der Geisteswissenschaften stets aktualisiert wird. Wird dies versäumt und konzentriert sich eine Wissensgesellschaft nur auf die objektiv messbaren Ergebnisse der Labore und auf die profitablen Outputs der Analysesektoren, verändert sie sich in eine Gesellschaft von isolierten Individuen, die zwar funktionieren, aber den Sinn ihrer Menschlichkeit versäumen. Die Gefahren, die als Folge eines solch isolierten Nebeneinanderlebens drohen, hat Arendt eindringlich geschildert. Der besondere Wert der Humanwissenschaften, so könnte man im Anschluss an Arendt, Rancière und Kant sagen, besteht also darin, dass sie das mensch- liche Vernunftvermögen schulen und nicht dabei stehen bleiben, sich mit dem Räsonnement des Verstandes zu begnügen. Dieser Zusammenhang, der hier nur in aller Kürze geschildert werden konnte, soll in meinem Vortrag dargelegt werden.