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Joachim Landkammer

Friedrichshafen, Germany
On the Road again, oder: Die Zukunft der Halbbildung
Tuesday, 12th September | 14:00 – 15:35

Die Rede von „Kulturtechniken“, für deren „Erhalt“ die Geistes- und Sozialwissenschaften laut dem Call for Papers „generalzuständig“ sein sollen, scheint auszugehen von einem ab- und voraussehbaren Problembestand, für dessen Bewältigung standardisierte Prozeduren auf wiederkehrende Fälle angewandt werden können. Kulturtechniken wären dann Problemlösung-Routinen, mit denen kultivierte Kulturtechnik-Versierte formal quasi voraussehbare Aufgaben (etwa der Kommunikation, des Verstehens, der Aneignung und der Vermittlung von Kultur-Inhalten) bearbeiten.
Da das vermutlich zu pragmatisch und – eben – zu technizistisch klingt, kann man dem den Eindruck entgegenhalten, daß de facto viele gegenwärtige geisteswissenschaftliche Methoden, Untersuchungsgegenstände und Ergebnisse ganz im Gegenteil in den Verdacht der alltagsfernen Überspezialisierung und des anwendungsfreien Theorie-Narzißmus‘ geraten. Die heute vielfältig entwickelten geisteswissenschaftlichen Analyse- und Interpretations-Techniken werden in den Expertenkulturen der Kulturexperten erfunden, propagiert, diskutiert, kritisiert und am Ende verworfen, meist ohne daß sie je den Praxistests der wissenschaft-rezipierenden und -anwendenden Gesamtgesellschaft unterzogen würden. Fast könnte man an die illegalen Methoden bestimmter Autobauer denken, deren Emissions-Reduktions-Techniken nur unter artifiziellen Prüfbedingungen normgerecht funktionieren, weniger bis gar nicht „auf der Straße“ und im normalen Straßenverkehr.
Ohne in die bekannte anti-elitäre Polemik gegen verkopfte akademische Abstraktheit und Weltfremdheit zu verfallen, soll der Vortrag zunächst darstellen, von wem und wie (und mit welchen Absichten) dieser Vorwurf einer Hypertheoretisierung der Geisteswissenschaften artikuliert wird, um dann der Frage nachzugehen, ob dieser Vorwurf zumindest insoweit ernst genommen werden kann, daß man eine (Teil-) Aufgabe künftiger Geisteswissenschaften in der Sicherstellung einer alltagsnahen „Grundversorgung“ sieht. Das würde heißen, daß auch in Akademie und Hochschule darauf reflektiert werden müßte, daß der gesellschaftliche „Abnehmer“ der Geisteswissenschaften eher an der „mittleren Reichweite“ einer imperfekten, einfache Wissensbestände rettenden geisteswissenschaftlichen Allgemeinbildung interessiert sein könnte.
Dabei muß die reflexartig beschworene Gefahr der Trivialisierung und Vulgarisierung gar nicht geleugnet werden – sie wäre aber abzuwägen gegen das Risiko des völligen Niveauverlusts unter der Herrschaft aktueller „Blödmaschinen“ (Seeßlen/Metz). Zwischen den elfenbeinernen Berührungsängsten sektiererischer Theorie-Adepten und den apokalyptischen Verfalls- und Untergangsvisionen für die angeblich unaufhaltbar verdummende ignorante Masse könnten die Humanities wieder den Menschen entdecken, der keine exklusiven Nischenkenntnisse, sondern ein halbwegs robustes Konversationswissen, keine computergestützten Textdaten-Analysemethoden, sondern einige elementare Kompetenzen der Analyse, der Kritik und der autonomen Reflexion benötigt. Eine geselligkeitstaugliche, sog. „gehobene“ Gespräche ermöglichende geisteswissenschaftliche Bildung, die nach Dietrich Schwanitz‘ Buchtitel von 1999 schlicht „alles, was man wissen muß“ umfaßt, würde man vielleicht weiterhin „trivial“ und „konventionell“ schelten können, müßte ihr aber – auch als Forschungsgegenstand und Ausbildungsziel künftiger Geisteswissenschaft – trotzdem einen nicht zu unterschätzenden Wert einräumen, vor allem vor dem Hintergrund der Einsicht, daß die oft geschmähte „Halbbildung“ (Adorno) oder „Unbildung“ (Liessmann) angesichts des heute oft anzutreffenden Minimal- bzw. Nullbestands an früherem Allgemeinbildungswissen bereits als Ehrentitel aufzufassen sein könnten. Nicht zuletzt ließe sich die Hoffnung daran knüpfen, daß eine durch „vermenschlichte“ Humanities historisch basis-informierte, rhetorisch elementar versierte und ideologiekritisch halbwegs kompetente Öffentlichkeit sich resistenter gegen den radikalen Anti-Intellektualismus aktueller Populismen erwiese als eine von einer sich avantgardistisch und elitär verstehenden Geisteswissenschaft alleine gelassene Gesellschaft.