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Katrin Becker

Luxembourg
Humanities als Rekonstrukteur des Fundaments des Rechts
Monday, 11th September | 10:45 – 11:45

Dem  Psychoanalytiker  und  Rechtshistoriker  Legendre  zufolge  basiert  das  normative  System einer  Kultur  auf  einem  kulturspezifischen,  aus  der  jeweiligen  Geschichte  erwachsenden  Werte-, Diskurs-  und Bild-Fundament, das durch  ästhetische, religiöse und politische Mittel immer neu in  Szene  gesetzt  werden muss,  um  die  Rechtssubjekte  an  sich  zu  binden –und  das  sich  jeweils fundamental von den Legitimationsfundamenten anderer Kulturen unterscheidet. Aufgrund der ästhetischen,  literarischen,  metaphysischen  und  historischen  Struktur  dieser „Unterseite“  des Rechts  im  Sinne  Legendres  rücken  hier  die  (sprachlich  strukturierten)  Humanities  zunächst  als geeignetes  Medium  in  den  Blick,  die  dieser  Dimension  nachzuspüren  in  der  Lage  sind –  jener Dimension, die dem Recht bzw. „dem Phänomen, welches wir auf den ersten Blick sehen, seine Stabilität, seinen Wert, seinen Anstrich an Menschlichkeit verleiht«. Gerade  anhand  des  Postmodernismus  lässt  sich  hingegen  darlegen,  inwieweit  die  Humanities einen  über  die  Analyse-Funktion  hinausgehenden  konstitutiven  Beitrag  zur  Bekräftigung  oder Infragestellung   jener   Fundamente   leisten   können,   wenn   heute   bspw.   der   für   diesen charakteristische  epistemische  Relativismus  als  Grundlage  für  jenen  Diskurs  gedeutet  wird,  der sich  von  den  bisherigen  ideologischen  Politikinstitutionen  abwendet  und  Basis  für  die  sich ausbreitenden   identitären   Bewegungen   bietet –   eine   Entwicklung,   die   dementsprechend notwendig gravierende Folgen für Fragen der Rechtsbindung nach sich zieht, und in die sich Phänomene wie bspw. die Postfaktualität problemlos einordnen lassen. Wenn nun gegenwärtig vom Driften gesellschaftlicher Zusammenhänge in ein »apolitisches und rechtlich neutrales ‘ soft-vernetztes’  World Wide Web aus mehr oder weniger autonomen Verbänden«  die  Rede  ist,  von  der  Implementierung  des  Ideals  einer  Weltgesellschaft,  in  der „es  eine neue  Intensität  an  Bindungen  zwischen  Völkern,  gesellschaftlichen  Entitäten  oder  Regionen gebe«,   die   eine   Hybridisierung   der   Grenzen   und   damit   eine   »Transformation   und   […] Produktion  neuer  Bedeutungen,  neuer  Kulturen  und  neuer  Identitäten«  nach  sich  ziehe,  so impliziert dies nicht nur notwendig eine Infragestellung bzw. Präkarisierung jener legendreschen Grundprämissen  der  Rechtsfundierung  und  -bindung,  sondern  betrifft  kulturanthropologische wie rechtliche Fragestellungen gleichermaßen: Wie  kann  unter  den  Bedingungen  von  Migration,  Multilingualismus,  Transjuridismus  etc.,  in denen  eine  Entgrenzung  jener  bislang  in  diesem  Rahmen  als  subjektkonstitutiv  erachteten Institutionen  wie  Recht,  Sprache,  Nation  etc.  konstatiert  wird, jene  eingangs  genannte  Logik eines   diskursiv,   rechtlich,   ideologisch   und   emotiv   klar   umgrenzten   Rechtsfundaments aufrechterhalten werden? Die Beantwortung dieser Frage ist von essentieller Bedeutung für den Erhalt  der  Rechtsbindung  im  Sinne  Legendres  und  zieht  notwendig kulturanthropologische Fragen bzgl. der Konstitution und Position des Subjekts sowie der Bestimmung von Kultur nach sich. Mit Blick auf gegenwärtige Tendenzen der Entgrenzung und globalen Vernetzung einerseits, von Identitarismus  und  Nationalismus  andererseits  wird  dieses  Paper  der  das  Recht  und  seine Geltungs-    und    Bindungskraft    betreffenden    Rolle    der    Humanities,    insbesondere    der Kulturanthropologie  sowie  Literaturwissenschaft,  nachspüren. Durch  das  Aufzeigen  möglicher Zusammenhänge –   oder   (aus   der   Verflechtung   von   Recht   und   Sprache   erwachsenden) Dialektiken –  zwischen    das    Subjekt    und    seine Kultur/Rechtsbindung    betreffenden Erkenntnissen  aktueller  Kulturtheorien  und  (ent-  bzw.  begrenzenden,  ex-  und  inkludierender) Entwicklungen im Recht, soll die Bedeutung kultur- und literaturwissenschaftlicher Theorien für das Rechtsfundament der Kultur herausgearbeitet werden.