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Maren Lehmann

Friedrichshafen, Germany
Dead Sociologists Society: Soziologie nach dem Verlust der Lust an der Gesellschaft
Tuesday, 12th September | 14:00 – 15:35

»Who now reads Spencer?«, fragte Parsons in den dreißiger Jahren, um sich sogleich selbst zu antworten: »Spencer is dead.« Die Abkanzelung Spencers würde heute vielleicht nicht einmal mehr bemerkt. Denn in der Frage, ›wer heute noch Spencer liest‹, liegt die allgemeine Klage, ›wer heute noch liest‹, und die ist als fatalistische Zeitdiagnose geläufig. Parsons vergleicht sich aber nicht nur mit Spencer, sondern erfindet diesen auch als Antipoden, um sich im Modus einer selbstnobilitierenden Nachfolge an dessen Stelle setzen zu können. Es werde nun – und man mußte sogleich wissen: bis auf weiteres, aber nicht für immer – nicht mehr Spencer, sondern Parsons gelesen. Solche Erbfolgeerzählungen sind soziologisch interessant, weil sie eine Gesellschaft im Kleinen gründen und pflegen, die nach Art einer Serapionsbruderschaft oder eines Davidsbunds Tote wie Lebende umfaßt, eine Gesellschaft im Kleinen, die in diesem Sinne nicht ›aus Menschen besteht‹, sondern aus Distinktionen, eine Gesellschaft im Kleinen also, die sich selbst von einer umgebenden Gesellschaft unterscheidet, ›als ob es‹ (Luhmann) ›von außen wäre‹ – um von dort aus einem dezidiert missionarischen Auftrag gerecht zu werden, den sie seit Durkheim (den Parsons nicht zu den Toten legt) als Erziehung versteht, als Sozial-Pädagogik im genauen Sinne. Das wird erstens zu zeigen sein. Soziologie und Gesellschaft werden durch die Soziologie in deren Gründungsszene in ein Komplementärverhältnis gebracht, in dem die Soziologie die Leistungsrolle (wie jene des Priesters, des Anwalts oder eben des Lehrers) und die Gesellschaft die Publikumsrolle (wie jene der Laien, der Klienten oder eben der Schüler) vertreten. Dieses Komplementärverhältnis ist in genau jenem Sinne ›totalinklusiv‹, den Parsons als das Merkmal schlechthin der modernen Gesellschaft bestimmt hatte: sie (die Soziologie) kann kein soziales Ereignis unbeachtet lassen, weil sie (die Gesellschaft) kein soziales Ereignis ausschließen kann. Und weil das so ist, ist die Soziologie der Gesellschaft notorisch unterlegen. Alle ihre Begriffe konzeptualisieren, alle ihre Methoden operationalisieren diese Unterlegenheit allerdings im Modus einer superioren Überlegenheit (wofür Comtes enzyklopädisches Gesetz die Gründungsideologie bietet). Das wird zweitens zu zeigen sein. Entsprechend warnt etwa Weber vor einer Trivialisierung der Soziologie durch Allerweltsnormativität, Luhmann (und vor ihm schon Dilthey) vor einer Trivialisierung der Gesellschaft durch Interventionsprätentionen oder eben Parsons vor einer Preisgabe intellektuellen Anspruchs an perfektible, optimierende Anpassungsphantasien. Diese Warnungen haben in den siebziger Jahren zu einem nicht minder prätentiösen Wechsel aus der missionarischen, mal politisch, mal ökonomisch gerahmten Pädagogik in die intellektuelle Zeitdiagnostik geführt, die die Gesellschaft nicht mehr unbedingt ändern, sondern unbedingt kommentieren will – und dies zwar immer noch, ›als ob es von außen wäre‹, aber dies jetzt nicht mehr in einem engagierten, sondern in einem resignierten Habitus, dem die Geistes- und Kulturwissenschaften als melancholische Ressourcen interessant scheinen. Daß diese Kommentare ›niemand mehr liest‹, wird schließlich seit den neunziger Jahren als Bestätigung der Resignation bzw. als Negativversion der Totalinklusion beinahe begrüßt; ›sociology is dead‹, aber die Gesellschaft ist noch da – und wird als »nächste Gesellschaft« (Drucker, Baecker) von eben dieser resignierten Soziologie aus dem Off begrüßt, ›als ob‹ es von innen wäre. Man könnte sagen: Die Soziologie verliert zuerst die Lust an der Gesellschaft und rettet sich in ihren eigenen Raum, wo die Lustlosigkeit als Kritikfreude erträglich wird; dann verliert sie die Lust an sich selbst und rettet sich in die Gesellschaft, wo die Lustlosigkeit als Meinungsfreude aufersteht. Sie ist doppelt erledigt, d.h. bestens vergesellschaftet. Das wird drittens zu zeigen sein.