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Rolf Parr & Iuditha Balint

Duisburg-Essen, Germany
Warum (nur) die Humanities sagen können, was “Arbeit” ist
Tuesday, 12th September | 14:00 – 15:35

Beim Sprechen über ›Arbeit‹ handelt es sich in der Regel um ein Konglomerat aus sozialen, politischen, medizinischen, psychologischen, ökonomischen und weiteren Aspekten, also um eine immer wechselnde Zusammenführung von Wissen aus natur-, wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Spezialbereichen (einschließlich der zugehörigen Versprachlichungen und Verbildlichungen). So beginnt beispielsweise der Moderator einer Magazinsendung zu einem der Lokführerstreiks der letzten Jahre mit einer psychologisierenden Charakteranalyse des Gewerkschaftsvorsitzenden, geht dann über zu den Gehältern, die Lokführer für ihre Arbeit bekommen und entwickelt volkswirtschaftliche Szenarien, um schließlich arbeitsmedizinische Überlegungen zur Nachtarbeit anzustellen und all das auch noch auf die soziale Situation der zur Arbeit fahrenden Reisenden zu beziehen. Dass alles dies in enger zeitlicher Abfolge an einem Sendeplatz möglich ist, dass die Zuschauer*innen sich aus all den verschiedenen Perspektiven auf den Fokus Arbeit einlassen können und dabei nichtsdestotrotz der Eindruck entsteht, es mit einem integralen Gegenstand ›Arbeit‹ zu tun zu haben – obwohl der im Schnittfeld dieser so ganz verschiedenen Zugriffe entstehende Gegenstand ›Arbeit‹ sich kaum mehr mit einem der gängigen Arbeitsbegriffe fassen lässt –, macht dreierlei deutlich:

– erstens, dass ›Arbeit‹ als sozial produzierter diskursiver Gegenstand im Schnittpunkt verschiedener Spezialdiskurse konstituiert wird (von Soziologie und Politologie über Medizin bis hin zu Ökonomie und Psychologie), wobei in der Regel der Gegenstand ›Arbeit‹ und die mit ihm verbundenen Individuen (Subjektivitäten) in den Blick genommen werden;
˗ zweitens, dass das Wissen über ›Arbeit‹ aus diesen Spezialbereichen zu einem integralen Alltagswissen weiterverarbeitet wird, wobei dieser Prozess der Zusammenführung von Spezialwissen ganz unterschiedlicher Herkunft medial erfolgt;
˗ drittens, dass ›Arbeit‹ einer der zentralen Konvergenzpunkte moderner Gesellschaften ist, nämlich ein Gegenstand, in dem wichtige individuelle Lebensfragen (Privatheit) mit gesamtgesellschaftlichen Problemlagen (Öffentlichkeit, Politik) zusammenkommen.

Naheliegender Weise sind es dann auch die medialen Darstellungen, die unser Alltagswissen von ›Arbeit‹ und damit den sozialen Gegenstand ›Arbeit‹ überhaupt erst hervorbringen, und zwar immer wieder neu und anders. Daher muss unser Wissen über ›Arbeit‹ insgesamt als ein genuin medial vermitteltes Wissen verstanden und analysiert werden, was im Umkehrschluss nichts Anderes bedeutet, als dass mit den medialen stets auch die gesellschaftlichen Diskursivierungen von Arbeit in den Blick genommen werden.

Gerade das ist aber nicht mehr in den Spezialdiskursen selbst zu leisten, sondern nur von einem Ort aus, der es erlaubt, die an der Konstitution von ›Arbeit‹ beteiligten Spezialdiskurse aufeinander zu beziehen; kurz: von den Humanities aus.

Wie ›Arbeit‹ von den Humanities aus in den Blick genommen werden kann, zeigt der Vortrag an ausgewählten Beispielen auf und macht damit zugleich den Stellenwert der Humanities für die Analyse des sozialen Gegenstandes ›Arbeit‹ deutlich.