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Simon Kasper & Christoph Purschke

Luxembourg
Überlegungen zu Möglichkeit und Geltungsanspruch theoretischer Aussagen im Spannungsfeld von Geistes- und Naturwissenschaften
Wednesday, 13th September | 9:00 – 10:30

Die Geisteswissenschaften befinden sich derzeit in einer Umbruchphase: der Umbau der alten Philologien zu digital(isiert)en Humanwissenschaften, die Beanspruchung der Deutungshoheit für kulturell-soziale Phänomene von Seiten naturwissenschaftlicher Disziplinen, die Herausforderungen globalisierter, superdiverser Gesellschaften für die Analyse kultureller Praxis. In all diesen Entwicklungen stehen, das wird etwa am derzeit diskutierten “Ende der Germanistik” in Deutschland deutlich, sowohl der Selbstanspruch der Geisteswissenschaften als Wissenschaften als auch ihr Geltungsanspruch für die Erklärung kultureller Phänomene zur Disposition, von der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz geisteswissenschaftlicher Forschung, deren Ergebnisse sich nicht unmittelbar ökonomisch verwerten lassen, ganz abgesehen.

Vor diesem Hintergrund widmet sich der Beitrag der Frage nach der Möglichkeit von und den Geltungsbedingungen für wissenschaftliche(n) Erklärungen in den Geisteswissenschaften. Ausgangspunkt für die Analyse ist die Variationslinguistik und ihr Anspruch, sprachlichen Wandel theoriegeleitet zu erklären. Dabei zeigt sich in den letzten Jahrzehnten zwar eine Neuorientierung der Disziplin – weg von strukturalistischen Perspektivierungen und hin zum den einzelnen Sprecher und seiner lebensweltlichen Interaktion –, die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Disziplin sind dabei aber ebenso unangetastet geblieben wie die gängige Forschungspraxis.

Dies führt zu einer Situation, in der genuin kultürliche Phänomene naturalistisch beschrieben werden, und damit faktisch zu einem Geltungs- und Anwendbarkeitsvakuum linguistischer Aussagen(gebäude) durch die Dissoziation von beschriebener Praxis und beschreibender Theorie. Der Kern des Problems besteht darin, daß sich theoretische Aussagen zumeist nicht auf lebensweltlich erworbene und praktizierte Unterscheidungen zurückführen lassen. Ausgehend von dieser Diagnose soll die Linguistik als (Symbol-)Wissenschaft von (einem Teilbereich) menschlicher Tätigkeit in Bezug auf Möglichkeit und Geltungsanspruch für theoretische Erklärungen hinterfragt werden.

Entscheidend für die Möglichkeit theoretischer Aussagen ist dabei das Bewusstsein, daß die linguistische Praxis denselben Bedingungen unterliegt, die auch für den beschriebenen Gegenstand gelten, die Analyse sprachlicher Praxis also ebenfalls (spezialisierte) sprachliche Praxis ist. Diese “Aufhebungsbedingung” für der wissenschaftlichen in der lebensweltlichen Praxis wird in theoretischen Perspektivierungen bislang kaum reflektiert.

Weiterhin gilt in Bezug auf den Geltungsanspruch theoretischer Erklärungen, dass theorieinduzierte Unterscheidungen nur dann Geltung beanspruchen können, wenn sie lebensweltlich erworbene und intersubjektiv zugängliche Unterscheidungen („Kategorien“) abbilden, sich also mittels einer praxisorientierten Handlungstheorie reformulieren lassen. Diese “Rückführungsmaxime” bildet die Voraussetzung für eine geisteswissenschaftliche Praxis, welche die kultürliche Gebundenheit ihrer Erklärungen anerkennt und zur Grundlage ihrer eigentlichen Aufgabe macht: menschliche Praxis durch Analyse zu stützen.

Aufbauend auf die Analyse soll im Vortrag zudem eine Übertragung auf andere geisteswissenschaftliche Disziplinen versucht und dabei nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Geistes- und Naturwissenschaften gesucht werden. So bestehen Gemeinsamkeiten darin, daß auch naturwissenschaftliche Theorie und Praxis, egal ob Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik oder biologische Typologien, (spezialisierte) sprachliche Praxen sind, deren Symbolinventar kultürlich bedingt und lebensweltlich gebunden ist. Unterschiede bestehen dagegen hinsichtlich des Phänomenbereichs: Während die Geisteswissenschaften kultürliche Phänomene fokussieren, nehmen die Naturwissenschaften für ihre Gegenstände “Natürlichkeit” in Anspruch; allerdings sind auch physikalische Messungen, ebenso wie biologische Typisierungen, abhängig von kulturellen Artefakten (z.B. Messinstrumenten) und Kategorien (z.B. Pflanzennamen). Für die Geisteswissenschaften bedeutet dies Hoffnung wie Herausforderung: Hoffnung, da sich ihr Gegenstandsbereich faktisch nicht auflösen kann; Herausforderung, da es im derzeitigen Wissenschaftsklima zu zeigen gilt, worin der besondere Wert der Geisteswissenschaften für die Stützung menschlicher Praxis liegt.