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Stefan Börnchen

Cologne, Germany
“Abspringen ins Bodenlose, als welches sich das Freie lichtet” (Heidegger). Dean Potters When Dogs Fly
Monday, 11th September | 15:45 – 17:15

Am 16. Mai 2015 springt der BASE jumper Dean Potter mit einem Wingsuit vom Taft Point im Yosemite-Nationalpark. Beim Versuch, durch eine Felslücke zu fliegen, verunglückt er tödlich. Potter wird 43 Jahre alt.

Zunächst bleibt unklar, ob mit Potter auch seine Hündin Whisper umgekommen ist, die Protagonistin des 2013 entstandenen Kurzfilms When Dogs Fly.

Der Film zeigt einen Wingsuit-Flug von einer Felsnadel an der Eiger-Nordwand ins Grindelwalder Tal, bei dem Potter Whisper in einem Rucksack auf dem Rücken trägt. Der während des Fluges mit einer GoPro-Kamera aufgenommene Hund trägt eine Taucherbrille, um die Augen gegen den Wind zu schützen, und scheint sich bei dem Flug wohl zu fühlen.

Tierschützer haben Potter kritisiert, es handele sich um ein sinnloses Unterfangen und um Tierquälerei. Der Film wiederum zeigt Potters Liebe und Zärtlichkeit dem Hund gegenüber, den er vor dem Flug küsst, und Whispers tierische Freude, als die Landung geglückt ist.

Warum diese Aktion? Meine These ist, dass es dem thrill-seeker Potter nicht nur darum geht, auf spektakuläre, Youtube-taugliche Weise das idiomatische »when pigs fly« zu inszenieren. Denn Potters Aktion ist nicht nur ein Extremsport-Stunt, der zeigt, dass Herr und Hund ohne Fluggerät fliegen können, sondern auch eine Art philosophische Performance.

Drei Argumente seien genannt. Erstens geht es ausdrücklich um Rührung, wie Schiller sie mit Blick auf die Tragödie beschreibt: »stellt« doch, mit Schillers Worten, Potters Flug mit Whisper »eine Handlung dar, um zu rühren und« zugleich »durch Rührung zu ergötzen«. So sagt es Potter selbst: »The joy we have is just off the chart.« Das ist das Ergötzen. »We love it up there. Will this joy lead to harm or death? Something almost made me crumble«, das ist die Rührung, »when I started putting the dog on my back«.

Zweitens geht es um das Verhältnis von Tier und Mensch zum ›Offenen‹ in jenem Sinne, den Giorgio Agamben in seiner Studie Das Offene. Der Mensch und das Tier im Anschluss an Rilkes »Mit allen Augen sieht die Kreatur / das Offene« entworfen hat. Vor allem aber geht es drittens, Potters eigenen Worten zufolge, um ein Wahrheitsgeschehen: »I know the truth now. I know there’s more than that fantasy of like, ›Oh, we’ll fly together.‹ There’s also, ›Oh, we could die together.‹ What happens when dogs fly? It sure wasn’t what I thought it was gonna be. It was the reality of it.«

Das erinnert auf schlagende Weise an Martin Heideggers ›eigentliches‹ Denken als ›sprunghaftes Denken‹. In seiner 1942/43 gehaltenen Parmenides-Vorlesung schreibt er: »Um das Sein zu denken, bedarf es […], daß etwas […] mitten in das Erscheinende hereinfällt. […] Das Sein zu denken, verlangt […] einen Sprung, durch den wir von dem gewohnten Boden des Seienden, auf dem uns zunächst das jeweils Seiende ist, abspringen in das Boden-lose, als welches sich das Freie lichtet […]. Dieses eigentliche Denken ist ›sprunghaft‹, denn es kennt nicht die Brücken und Geländer und Leitern des Erklärens, das je nur Seiendes aus Seiendem ableitet, weil es auf dem ›Boden‹ der ›Tatsachen‹ bleibt.« Ist also, wie es in Sein und Zeit heißt, »Neugier […] die Tendenz zu einem eigentümlichen vernehmenden Begegnenlassen der Welt«, dann ist das wingsuit BASE jumping seine intensivste Form: nicht bloß ein hedonistischer »Genuß vom Dasein«, wie ihn Nietzsche in die Formel »gefährlich leben!« gefasst hat, sondern ein Wahrheitsgeschehen.

Nur aus der philosophischen Tradition heraus lässt sich eine Extremsport-Kunst wie die Potters begreifen. Und nur die ›Humanities‹ lassen uns verstehen, was geschieht, wenn Hunde fliegen.

Was Whisper betrifft: sie lebt, aber sie fliegt nicht mehr.