Header Image

Thomas Lenz

Luxembourg
Die “zwei Kulturen” in Bildungsforschung und Bildungspolitik
Tuesday, 12th September | 10:45 – 11:45

Die „Humanities“ lassen sich – angelehnt an die analytisch ebenso fragwürdige wie politisch wirkmächtige Unterscheidung von C.P. Snow – den „Sciences“ entgegensetzen und entlang dieser Dichotomie kann dann wahlweise die relative Bedeutungslosigkeit der Geisteswissenschaften beklagt oder ihre Allzuständigkeit für die Dinge, die ausserhalb der Reichweite der „Naturwissenschaften“ liegen, behauptet werden. Snow ging jedenfalls von einem unversöhnlichen Gegensatz der „zwei Kulturen“ aus, von denen die eine („literature“) konservativ, vergangenheitsfixiert und im Grunde unwissenschaftlich sei, während die andere („science“) als methodisch klar, pragmatisch und die Zukunft gestaltend verstanden werden müsse. Snows Rede von den „zwei Kulturen“ muss aus ihrem historischen Kontext und aus ihren bildungspolitischen Absichten heraus verstanden werden. Sie ist einer der vielleicht folgenreichsten bildungspolitischen Vorstöße im angelsächsischen Raum der 1960er Jahre – mit Nachwirkungen bis in die Jetztzeit. Snow forderte nichts weniger als eine Revolution des Schulwesens, das er vom geisteswissenschaftlichen Kopf auf die naturwissenschaftlichen Füße stellen wollte. Er argumentierte damit ganz ähnlich, wie seine amerikanischen Reformkollegen, die die Schulcurricula vor allem als Antwort auf eine wahrgenommene technologische Herausforderung ändern wollten. Als die Sowjetunion 1957 den Satelliten “Sputnik” in die Erbumlaufbahn schoss, sahen die Vereinigten Staaten von Amerika (und mit ihnen das Vereinigte Königreich) diese Demonstration vermeintlicher technologischer Überlegenheit als eine militärische, technische und gesellschaftliche Provokation, die nicht unbeantwortet bleiben durfte. Sputnik wurde in den USA und in Großbritannien als “nationales Trauma” erlebt, das auch und vor allem Veränderungen in der nationalen Bildungspolitik nach sich ziehen musste. Nur wenige Monate nach dem Start des russischen Satelliten verabschiedete der amerikanische Kongress den ‘National Defense Education Act’ und schon der martialische Titel lässt erahnen, dass hier die Erziehung zu einem Bereich von nationaler, sicherheitspolitischer Bedeutung erhoben werden sollte. Der Sputnikschock führte vor allem im angelsächsischen Raum zu einer Pädagogisierung des Kalten Krieges. Die öffentlichen Schulen gerieten unter Druck, ihre althergebrachte Pädagogik des “life adjustment” – mit seiner Betonung von praktischen Fähigkeiten auf der einen und einer eher geisteswissenschaftlichen Ausrichtung auf der anderen Seite – aufzugeben und sich vor allem technisch-naturwissenschaftlichen Fragen zuzuwenden. Entsprechend sollte das schulische Curriculum an die vermuteten Erfordernisse der neuen Zeit angepasst werden. Konkret hieß das, dass geisteswissenschaftliche Inhalte über Bord gehen und naturwissenschaftlichem Wissen Platz machen sollten. Der Sputnik Schock wirkte wie ein Katalysator für einen Prozess, der insgesamt eine „Vernaturwissenschaftlichung“ der Curricula, der Pädagogik, der Lehrerbildung und auch der Schulsteuerung und der Bildungspolitik anstoßen sollte. Der Siegeszug der kognitiven Psychologie und der Statistik innerhalb der pädagogischen Wissenschaften begann und die „klassische“ geisteswissenschaftlich orientierte Pädagogik wurde zunehmend an den Rand gedrängt – eine Position, in die sich auch selbst manövriert hatte, schienen ihre Theorien und Methoden doch über lange Zeit eher dem 19. als dem 20. Jahrhundert verpflichtet.

Im 21. Jahrhundert allerdings sehen sich ausschließlich an Indikatoren, Statistiken und Experimenten orientierte Bildungswissenschaften einer stärkeren Kritik ausgesetzt und die blinden Flecken einer nur an Zahlen orientierten Bildungsforschung und –politik werden thematisiert. Diese Kritik kommt nicht nur aber eben auch aus den „Humanities“ und zeigt, wie dort neu entwickelte Ansätze zu einer Reflektion der mittlerweile „vernaturwissenschaftlichen“ Pädagogik dienen können.

In meinem Vortrag möchte ich diesen Prozess der „Vernaturwissenschaftlichung“ der Bildungsforschung und -politik nachzeichnen, analysieren und zeigen ob und inwiefern die „geisteswissenschaftliche“ Tradition hier wieder Orientierungswissen bereitstellen kann.